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Architektur und Siedlungsentwicklung

Architektur und Siedlungsentwicklung

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(Quelle Bauinventar Frau Dr. I. Rucki)

Das heutige St. Moritz fügt sich aus mehreren Ortsteilen zusammen, die jeweils eine individuelle (Siedlungs)Geschichte und eine eigene Topografie besitzen. Obwohl inzwischen weitgehend ineinander übergehend, lassen sich die einzelnen Gebiete bis heute sowohl im zusammenhängenden Grundriss als auch im Weichbild von St. Moritz ausmachen. Die folgenden Ausführungen nehmen auf den heterogenen Siedlungscharakter von St. Moritz Bezug und sind deshalb nach topografischen Gesichtspunkten in die Kapitel Dorf - Bad - Suvretta - Dimlej - Champfèr gegliedert.

Fenstereinfassungen mit Sgraffiti
Fenstereinfassungen mit Sgraffiti

St. Moritz Dorf

Abgesehen von einigen abgelegenen Landwirtschaftsbetrieben und Alphütten konzentriert sich die Besiedlung des Gemeindegebietes bis in die Mitte des 19. Jh. auf die Kernzone des heutigen St. Moritz Dorf.
Die älteste, ins Mittelalter zurückreichende Dorfsiedlung dürfte in der Nähe der alten Pfarrkirche St. Mauritius, die der Gemeinde St. Moritz den Namen gab, entstanden sein (von der Kirche ist nur der «Schiefe Turm» erhalten). Kirchlich gehört St. Moritz bis zur Reformation (Übertritt 1577) zusammen mit Samedan und Zuoz zu den drei grossen Altpfarreien des Oberengadins.
Zwischen dem 16. und frühen 19. Jahrhundert entwickelt sich St. Moritz zu einer Siedlung mit rund 50 Bauern-, teils auch Bürgerhäusern, die auf einer abfallenden Hangkante über dem St. Moritzersee ein Haufendorf bilden. 1788 wird im Dorfkern an der Via Maistra die neue reformierte Kirche eingeweiht, 1875 am östlichen Dorfrand die neue katholische Kirche St. Mauritius. Heute erinnern nur noch das kleinräumige Gassenbild um die Plazza Mauritius und die Via Veglia (mit der Chesa Veglia) sowie die Formen einzelner Parzellen an die Dorfanlage aus vortouristischer Zeit.
Bis zum Bau des ersten Kurhauses in St. Moritz Bad (siehe weiter unten) logierten die angereisten «Brunnengäste» im Dorf, meist in bescheidenen Kammern von Privathäusern. Mit der Eröffnung des Hotels Engadiner Kulm (1856, später mehrmals erweitert) nimmt das moderne Hotelwesen in St. Moritz Dorf Einzug.
Während der ersten touristischen Glanzepoche zwischen 1870 und 1914, in der St. Moritz sich zu einem erstrangigen Kurort für Bädertouristen, Sommerfrischler und zunehmend auch für Wintergäste entwickelt, findet eine weitgehende Umkrempelung der Dorfstruktur vom Bauerndorf in ein verstädtertes Tourismusdorf statt: Der Dorfkern wird verdichtet, im Zentrum und am Dorfrand entstehen neue Hotels sowie Wohn- und Geschäftshäuser, die teilweise den Verlauf der alten Parzellen bzw. die Grundmauern der abgetragenen Bauernhäuser übernehmen. Ausserhalb des historischen Perimeters dehnt sich die Besiedelung primär mit touristischen Bauten (Hotels, Villen, Chalets usw.) in alle Himmelsrichtungen aus: nach Norden entlang der Via Tinus bis hinauf zum Hotel Chantarella, nach Süden hangabwärts bis zum 1904 eröffneten Bahnhof (Hotels Palace, Grand Hotel, La Margna), nach Westen entlang der Via Somplaz und Via dal Bagn (Hotels Belvedere, Soldanella), nach Osten bis zur Hangkuppe über dem Bahnhof (Hotel Kulm, Hotel Carlton) bzw. in Richtung Celerina (Hotel Bären).
Ab ca. 1920 bis in die 1950er Jahre wächst die Besiedelung von St. Moritz Dorf insbe¬sondere im Tinus- und Brattas-Gebiet durch den Bau zahlreicher Villen und Chalets; im gleichen Zeitraum entstehen am östlichen Dorfrand und im Corvigliagebiet die ersten grösseren Anlagen für den Wintersport (Olympia-Eisstadion beim Hotel Kulm, Drahtseilbahn Chantarella–Corviglia, beide 1928, Luftseilbahn Corviglia–Piz Nair 1955).
In den 1960/70er Jahren erlebt ganz St. Moritz, unter anderem ausgelöst durch die Einführung des Stockwerkeigentums, eine explosive Bautätigkeit, die nochmals eine starke Verdichtung des Dorfzentrums nach sich zieht und den bis heute prägenden, heterogenen Charakter des Ortsbildes festigt. Ähnlich dem Hotel-Bauboom im 19. Jahrhundert werden erneut zahlreiche Grossbauten errichtet, die den Massstab der bestehenden Bebauung sprengen, diesmal jedoch in den nüchternen, als «städtisch» empfundenen Formen der (Spät)moderne. Im Dorfzentrum manifestiert sich diese Entwicklung etwa in den Hotels Crystal und Hauser, der Parkhausrondelle, den Apartmenthäusern St. Moritzerhof, Chesa Paravicini, Chesa Cripels usw. Der kompromisslose Paradigmenwechsel in der architektonischen Formensprache und Materialbehandlung ist in grossem Mass mitverantwortlich dafür, dass St. Moritz (gemeint sind Dorf und Bad) bis 1980 endgültig den Schritt vom Tourismusdorf zur «temporären Stadt» vollzieht.

St. Moritz Bad

Das heutige St. Moritz Bad ist, abgesehen von einer kleinen Trinkhalle mit der Fassung der Mauritiusquelle am südlichen Rand der Innebene, bis um die Mitte des 19. Jahrhunderts unbesiedelt. Die erste Fassung der Heilquelle erfolgt offenbar bereits in der Bronzezeit; seit den wissenschaftlichen Untersuchungen von Paracelsus im 16. Jahrhundert wird sie zunehmend zu Heilzwecken genutzt.
Den Anstoss zur Besiedelung von St. Moritz Bad gibt der im 19. Jahrhundert aufkommende gehobene Bädertourismus, gepflegt von einer internationalen finanzkräftigen Klientel. 1857 wird am südlichen Rand der Innebene bei der Mauritiusquelle das erste Kurhaus eröffnet, 1864 folgt der monumentale zweite Kurhaus-Neubau mit Kurpark, als breiter Riegel quer in die Innebene platziert. Bis um 1900 verwandelt sich das flache Weideland weitgehend ohne erkennbares Bebauungskonzept in ein mondänes Zentrum des Bädertourismus und der Sommerfrische (Grand Hotels Victoria, Neues Stahlbad, Du Lac, französische und englische Kirche, Kursaal, Reithalle, Galerie mit Verkaufsläden, Fremdenpensionen, Privatvillen usw.). Der Verbindung von Dorf und Bad dient von 1895 bis 1935 eine elektrische Strassenbahn.
Die Bautätigkeit im rechtsufrigen St. Moritz Bad steht bis gegen 1950 praktisch aus¬schliesslich im Dienst des Tourismus. Im linksufrigen Teil dagegen etabliert sich das Gewerbe und es entsteht ein Viertel mit schlichten Mehrfamilienhäusern für Ein¬heimische, Arbeiter, Handwerker, Beamte usw.
Ähnlich wie im Suvrettagebiet oder an den Rändern von St. Moritz Dorf – jedoch in bescheidenerem Masse – entwickelt sich die östliche Randzone von St. Moritz Bad zwischen 1920 und 1960 zu einer durchgrünten «Gartensiedlung» mit individuellen, schlichten Einfamilienhäusern für Einheimische (Via Giand’ Alva). Einen starken Kontrast zu dieser niedrigen individuellen Bebauung bilden die benachbarten modernen Bauvolumen, mit denen Behörden und Private in den 1960/70er Jahren auf die gesteigerte Nachfrage nach Erst- und Zweitwohnungen reagieren: 1970–72 erfolgt mit Unterstützung der Gemeinde die Überbauung Surpunt mit einer Gruppe von Punkt-«Hochhäusern»; im selben Zeitraum entstehen – ähnlich wie in St. Moritz Dorf – mehrere markante Apartmenthäuser (Residenz am See, Allod, Derby usw.). Zudem wird die Infrastruktur für das Bäderwesen in doppelter Hinsicht erneuert und erweitert: einerseits durch den Bau eines öffentlichen Hallenbades (1968), andererseits durch den Neubau des Hotels Stahlbad und des Heilbadzentrums (1972–76). Zusammen mit Sprungschanze, Leichtathletik-Laufbahn, Langlauf-Zentrum, Eisplatz, Reithalle usw. sind heute praktisch alle Sportanlagen in St. Moritz Bad versammelt. (In St. Moritz Dorf sind zwei weitere Sportanlagen angesiedelt, nämlich Bob und Skeleton, beide am Dorfausgang Richtung Celerina).

 

Suvretta

Im langgestreckten, mit Wäldern und Wiesen bewachsenen Hanggebiet zwischen St. Moritz Dorf und Champfèr gibt es in vortouristischer Zeit nur vereinzelte, punktuell verteilte Landwirtschaftsbetriebe (Meierei Chasellas, Acla Clavadatsch, Acla Oberalpina usw.). Den ersten touristischen «Markstein» setzt zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Engländer G. Edwards mit dem Bau der neugotischen Villa Suvretta etwas oberhalb der Meierei Chasellas. Zehn Jahre später wird das Hotel Suvretta House als erstes und einziges Grandhotel deutlich ausserhalb der Dorfzone in idyllischer Lage errichtet. Der Bau setzt durch seine exquisite Lage und Ausstattung neue Massstäbe bezüglich der Vorstellung von Luxus und bildet in diesem Sinne bis heute einen Kontrapunkt zum emsigen touristischen Treiben in St. Moritz Dorf und Bad. Das Modell der durchgrünten «Oase» bleibt in der Folge Leitbild für die weitere Bebauung des Suvrettahügels. Schrittweise verändert sich das unbesiedelte Weide- und Waldland ab 1920 in eine pittoreske Waldsiedlung mit individueller, mehrheitlich luxuriöser Villenbebauung. Grossbauten in der Dimension des Hotels Suvretta House werden gesetzlich untersagt, dessen ungeachtet ist im Villenbau in jüngster Zeit eine Tendenz zu immer grösseren Einzelstrukturen feststellbar.

 

 

Dimlej, Punt da Piz

Das Gebiet zwischen Innausfluss/Punt da Piz und Meierei ist in vortouristischer Zeit bis auf den Landwirtschaftsbetrieb der Acla Dimlej unbesiedelt. Spazierwege entlang des Seeufers und die Ausflugrestaurants Waldschlösschen (später Hotel Waldhaus), Meierei und Stazersee setzen um 1880 die ersten touristischen Akzente. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden die zwei das Dimlej-Gebiet einfassenden Bauten – Waldhaus und Meierei – etappenweise in Hotels ausgebaut. Der lang gezogene, sanft zum See abfallende Landstreifen dazwischen wird zum bevorzugten Standort für Chalet- und Villenbauten beidseits der Via Dimlej, mehrheitlich auf grosszügigen, begrünten Parzellen und mit Blick auf den St. Moritzersee. Bemerkenswert in dieser vornehmen Umgebung ist das intakt erhaltene Ensemble dreier Chaletbauten mit dem ehem. Wohnhaus der Künstlerin Mili Weber (heute Museum) auf einer Waldlichtung oberhalb der Via Dimlej.
Richtung Bahnhof, im schattigen Gebiet von Punt da Piz, konzentrieren sich ab ca. 1900 einfache Mehrfamilienhäuser für Einheimische, Gewerbebauten und als einziges Industriegebäude von St. Moritz der Schlachthof (heute als Werkhof der Gemeinde genutzt).

 

 

St. Moritz Champfèr

Die Ova da Suvretta bildet seit dem Mittelalter die westliche Gemeindegrenze von St. Moritz. Der Bach trennt den östlichen vom westlichen Dorfteil, im weitgehend geschlossenen Ortsbild von Champfèr hat diese «Trennung» jedoch wenige Spuren hinterlassen. Im St. Moritz zugeordneten Dorfteil hat sich ein bäuerlicher Kern mit Wohn- und Landwirtschaftsbauten aus dem 16.–18. Jahrhundert erhalten. Zwei Hotels aus dem 19. Jahrhundert (Primula, (ehem.) Julierhof) und eines aus den 1960er Jahren (Europa) legen zusammen mit Villen des 19. Jahrhunderts sowie Apartmenthäusern aus den 1960er und 1970er Jahren Zeugnis der touristischen Entwicklung entlang der Ausfallstrassen nach Süden und Osten ab. Einen spätmodernen Akzent setzt das «Dorfzentrum» von 1978, eine zwischen Dorfbach und Via Gunels eingepasste Anlage im Pavillonsystem mit ursprünglich öffentlicher Nutzung (Schulhaus, Kindergarten, Post, Feuerwehr) und Wohnungen für Einheimische.

 

 

Bauinventar

Dieses trägt dazu bei, schützenswerte Bauten auf dem Siedlungsgebiet von St. Moritz besser zu beurteilen, zu pflegen und zu erhalten. Darüber hinaus verfolgt es den Zweck, das Bewusstsein für die Erkennung und Achtung architektonischer Qualität bei den angesprochenen Kreisen grundsätzlich zu fördern und zu vertiefen. Das Inventar dient der Baubehörde als Arbeitsinstrument und liefert auch anderen Interessierten wichtige Informationen zu den Liegenschaften und Baugruppen, die denkmalpflegerisch von Interesse sind.

 

Ins Inventar aufgenommen sind z.Zt. 137 Einzelobjekte bzw. Objektgruppen bis zum Baujahr 1980, die das architektonische, touristische und siedlungsgeschichtliche Bild von St. Moritz bis heute massgeblich prägen.